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Mrz
2005

Widerstand gegen den "Taschen-Spion" Handy wächst

Immer mehr Franzosen verweigern sich dem Zwang der ständigen Erreichbarkeit dpa 07.03.2005

Gaston hat vor wenigen Wochen sein Handy in die Seine geworfen. "Für mich ist dieses Ding ein rotes Tuch", sagt der 37-jährige Geschäftsmann aus Paris. Kein Wunder, denn ohne Handy wäre Gaston wohl noch verheiratet. Nun ist er geschieden, weil seine misstrauische Gattin zärtliche SMS-Botschaften an seine heimliche Geliebte auf seinem Handy gelesen hat. Auch wenn Gastons Fall nicht gerade typisch ist - in Frankreich wächst die Zahl der Handy-Gegner. Sie wehren sich gegen die immer gleichen Fragen ("Wo bist Du gerade?"), gegen lautstarke Gespräche in Bussen und Bahnen ("Die Verbindung ist schlecht, was sagst Du?") und gegen den Druck der Gesellschaft ("Wie kannst Du ohne Handy leben?").

Für die Gemeinde dieser resoluten Widerständler interessierten sich neuerdings Forscher und Soziologen, weil diese Menschen eine "ungewöhnliche Minderheit" bilden. Es sind Hausfrauen, Mütter, Geschäftsleute und Jugendliche, die sich dem Diktat der kontinuierlichen Kommunikation verweigern. "Diese Leute sind keine Revoluzzer, aber sie wollen keine Sklaven der Schnelllebigkeit werden", analysiert der Philosoph Paul Virilio. "Ich bin kein Hund, den man herbeipfeift" sagt die 35-jährige Buchhändlerin Françoise, die ein neu gekauftes Handy nach wenigen Wochen ihrer Mutter geschenkt hat. "Ich konnte das nicht ertragen".

Kontrolle über das Unkontrollierbare

Der Journalist Hadrien, 38, lehnt sich auf gegen diese "Zwangsvorstellung der Dringlichkeit". "Ich gewinne an Lebensqualität, wenn ich akzeptiere, Zeit zu verlieren", sagt er. Diejenigen, die alles auf einmal machen wollten, würden letztendlich selbst aufgefressen.

Soziologen untersuchen aber auch diese "Sucht nach ständiger Kommunikation". Das Handy sei der "Versuch, die Kontrolle über unkontrollierbare Entwicklungen der Gesellschaft zurückzugewinnen", analysiert der Forscher Dan Schiller. Handy-Gegner ertragen gerade das nicht, was Handy-Süchtige suchen: den Einbruch in ihr Privatleben. "Handy-Süchtige reden zu laut und lachen zu laut, sie müssen sich ständig durch Gespräche beweisen, dass sie lebendig sind", meint die Psychologin Marina Petit.

Das Handy als Identitätsverstärker

Das Handy dient auch dazu, die "tatenlosen" täglichen Transportzeiten zu überbrücken. "Im Zug oder im Bus kann der hyperaktive Berufsmensch weiterarbeiten. Dadurch stärkt er seine Identität in einer anonymen Menge", sagt die Soziologin Béatrice Fracchiolla, die sich mit neuen Technologien befasst.

Mehr als 60 Prozent der Franzosen haben ein Handy, das sind 43 Millionen Menschen. Bei Jugendlichen zwischen 18 und 24 sind es sogar mehr als 90 Prozent. Um eine Diskussion über eine sozial akzeptable Nutzung des Handys in Gang zu bringen, hat der französische Krimiautor Philippe Marso 2001 einen handyfreien Tag ins Leben gerufen, den 6. Februar. Was soll erst werden, wenn die UMTS-Handys der dritten Generation mit Video, Internet und Fernseh-Anschluss auf den Markt kommen?, fragt er.

Gibt es Rezepte gegen Handy-Sucht? "Man muss seinen eigenen Lebensrhythmus wiederfinden und lernen, Einsamkeit und Stille zu ertragen", sagt der Forscher Francis Jauréguiberry. Handys seien ja durchaus nützlich. "Man muss aber nein sagen können und Gespräche filtern".

07.03.05 11:53

//www.nzz.ch/2005/03/07/vm/newzzE60G5T4Z-12.html


Quelle: //myblog.de/comment.php?blog=biolektro&id=966153
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